LifeArt – Soziale Plastik – Werksatz – Permanente Kreation

Erweiterte Positionen aus verschiedenen Bereichen der Lebensforschung, Lebensgestaltung, und Kunst sind für mich wichtige Inspirationsquellen für ein Kunstverständnis, das soziale oder persönliche Prozesse, ästhetische Erfahrungsmomente und gesellschaftliche Wirkung als WERK versteht.

Ich versuche diese Ansätze in meinen eigenen Arbeiten und Räumen umzusetzen und sie in mein Handeln einfließen zu lassen. Diese Erlebens- und Erkenntnisprozesse öffne ich für gemeinsames Entdecken mit Übertragungen und Verbindungen von Kunst und Leben. Auf dieser Seite möchte ich meine aktuellen Anregungen teilen – als bewegende Impulse für euch.

Zu meinen Angeboten der SPIEL-RÄUME findest du hier Termine und Einblicke:

http://www.stein-lassen.de/index.php/laborieren

Zu meinen Angeboten der ERFAHR-RÄUME findest du hier Termine und Einblicke:

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Und das bewegt mich gerade: Leben im Stein _ Gefäße im Stein

 

A stone is that from which we come, is that to which we go back, it’s the earth itself.

Some day they will know how to unlock the stone and then they will have infinite energy.

Isamu Noguchi

 

 

Eine mich sehr beeindruckende, wissenschaftliche Entdeckung zu der Lebendigkeit von Steinen, gibt meinen Annäherungen an unsere Verwandtschaft mit den Steinen eine Bestärkung. Irgendwie kommt alles Leben aus den Steinen, aus den Bewegungen unserer gewaltigen Erdschichten, ihren Verwitterungen, ihren Krisallisationen, ihren Transformationen.

Mit den Worten von Roger Caillois : … in der Puppenhülle der Brei des Übergangsstadiums zwischen Larve und Insekt, die ununterschiedene Gallerte, einzig imstande zu zittern, bevor in ihr die Neigung zu einer bestimmten Gestalt, zu einer eigenständigen Funktion erwacht. Rasch kommt die erste Dienstbarmachung des Minerals hinzu, die paar Unzen Kalkstein und Kieselsäure, die eine schwimmende und bedrohte Materia braucht, um sich einen Schutz oder eine Stütze zu bauen. Außen Muschelschallen und Panzer, innen Wirbel, die sogleich gegliedert, angepasst, bis in die kleinste Kleinigkeit ausgefertigt werden.

Mikroben aus rund 2.000 Metern Tiefe unter dem Elektronenmikroskop © Hiroyuki Imachi/ JAMSTEC

In Gesteinen gibt es organisches Leben – das schließen Forscher aus einem Fund von 400 Millionen Jahre alten Mikroben im Basalt des Rheinischen Schiefergebirges. In hauchdünnen Gesteinsscheiben fanden sie Mineralablagerungen mit verdächtig verästelten Mustern. „Zwar sehen wir heute nicht mehr die Originalzellen, sondern Minerale, die deren ursprüngliches Gefüge ersetzt haben“, erklärt der Geologe Jörn Peckmann, „Dennoch gehen wir davon aus, dass die Strukturen ohne die Existenz von Leben nicht zu erklären sind.“ Im Devon bedeckte ein Ozean das mittlere Deutschland, an dessen Grund Unmengen ausgesprochen gasreicher Lava ausströmte. Das erkaltete Gestein bildete zahlreiche Bläschen, die über dünne Kanäle miteinander verbunden waren. Durch dieses Porensystem spülte Wasser nicht nur die Bestandteile für neue Minerale hinein, sondern auch die Organismen. Denkbar, dass die Mikroben ihre Lebensenergie aus der Umwandlung von Eisen bezogen. „Wir müssen umdenken, inwieweit das Leben eine Rolle in geochemischen Stoffkreisläufen spielt“, sagt der Forscher.

Auch japanische Forscher dringen in die Tiefe und fanden ebenfalls, dass es in fast 2.500 Metern Tiefe unter dem Meeresgrund lebende Mikroben gibt. Bei den Mikroben dieser tiefen Biosphäre handelt es sich um Bakterien, die sonst in Waldböden vorkommen. Sie gelangten wahrscheinlich vor 20 Millionen Jahren in die Tiefe, als ihr Wald einst im Meer versank. Aktiv waren die Mikroben vor allem in Kohlenablagerungen, mit Temperaturen von 40-60 Grad, wo sie Kohle zu Methan umwandeln. Nun bilden ihre Nachfahren eine ganz eigene Lebensgemeinschaft innerhalb der tiefen Biosphäre.

 

Gestein als elementares Gefäß für Leben, das von Menschen zu Gefäßen ihres Lebensalltags und Glaubens verwendet und geformt wurde. Eine besondere Kunst von Stein-Gefäßen entwickelten die Ägypter mit filigranen teilweise wenige Zentimeter messenden Schälchen und Töpfchen. Die frühesten aus der Mitte des 4. Jt. v. Chr.. Im Alltag wurden sie wohl weniger verwendet, da die meisten dieser Gefäße als Grabbeigaben in den Gräbern gefunden wurden. In einigen waren noch Reste von ehemals flüssigen Beigaben wie Ölen, Fetten, Salben erhalten. Die Formen variieren in verschiedenen Gesteinsarten und Härtegraden. Für mich zeigen und bewahren diese besonderen Stein-Werke eine sehr feine, achtsame Handhabung, die diese feste Materie aushöhlt, das Innere dieser kleinen Brocken öffnet für die Begleitung durch die Reiche der Vergänglichkeit – auch wenn die Herstellung wahrscheinlich oft von Sklavinnen und Sklaven unter unmenschlichen Bedingungen geleistet werden musste. Die Faszination für ihre Arbeit bleibt in mir beim Anschauen dieser Gefäße aus lebendigen Steinen.

 

Eine andere Art der Lebendigkeit bewegen Steine in der Wüste Kaliforniens. Auf einem ausgetrockneten See im Nordwesten des Death-Valley-Nationalparks wandern bis zu 350 kg schwere Felsbrocken sporadisch über die fast vollkommen flache Ebene und hinterlassen dabei Spuren in der Geländeoberfläche. Naturkundler rätseln bis heute an diesem Phänomen und versuchen physikalische Erklärungen zu finden. Diese gibt es inzwischen auch in unterschiedliche Richtungen und wenn alle Beobachtungen vereint werden, handelt es sich um einen komplexen Mechanismus zwischen Wind, Eis, Regen, tonigem Boden und Algen, welcher bis heute nicht eindeutig zu erklären sei. Auf jeden Fall kann man den Steinen wohl eine Bereitschaft zusprechen, mit der sie sich leicht den Elementen überlassen.

 

Auch Thomas Feuerstein arbeitet in seinem Projekt Prometheus Delivered mit Leben im Stein und der Zersetzung von Stein. In einer Art Laboratorium durchfließen Flüssigkeiten mit steinfressenden Bakterien den Raum und eine Prometheus-Replik nach Nicolas-Sébastian Adam. In einer „Verstoffwechselung“ wandeln sie den Marmor zu Gips, der wiederum zu Nahrung menschlicher Leberzellen wird. Der Mythos von Zerstörung und Neuerschaffung wird damit übertragen, Fragen nach existenziellen Grundparametern und nach dem Ursprung des Lebens werden gestellt. „Wie in der Antike wird die Leber zum Organ der Zukunftsschau. Denn Feuerstein lässt mit seiner Installation in eine künftige Gesellschaft blicken, die sich nicht länger von Tieren und Pflanzen, sondern möglicherweise von eigenen Körperzellen ernährt.“

 

„Wie lebt Stein in mir ?“ frage ich mich neugierig bei all meinem Schreiben und Tun, wenn meine Hände das Gefäß für die Berührungen der Steine und der Welt formen.

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